Studentenleben

Zeitzeugen von Zeitzeugen werden

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Zeitzeugen von Zeitzeugen werden

Die Geschichte von Dr. Kurt Maier, der als jüdisches Kind die Vertreibung durch die Nationalsozialisten miterlebt hatte, stieß im Oktober auf großes Interesse. Zahlreiche Studierende folgten den Worten eines Mannes, der 1930 in Kippenheim aufgewachsen ist.

Kurt Maier, gebürtig aus dem Schwarzwald, spricht nach 75 Jahren im Exil immer noch den badischen Dialekt. Seine Heimat hat er nie vergessen. Ausführlich berichtet er von seiner Kindheit, der Zwangsdeportation in das Konzentrationslager Gurs und von der Auswanderung nach New York. Trotz der tragischen Ereignisse, schafft es Herr Maier mit seiner humorvollen Art hin und wieder ein Schmunzeln im Publikum zu erwecken. Mittlerweile lebt er in Washington und kommt seit einigen Jahren immer wieder nach Deutschland.

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Die Massendeportation der badischen und saarpfälzischen Jüdinnen und  Juden 1940 wurde akribisch geplant und gilt als Probedurchlauf für spätere Aktionen.

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Anders als in den späteren Jahren kamen die Familien nicht nach Auschwitz oder Theresienstadt, sondern in das Internierungslager nach Gurs. Dort war man jedoch nicht auf die große Anzahl vorbereitet. Es herrschte katastrophale hygienischen Zustände. Anhand zahlreicher Bilder schildert Herr Maier, wie seine Kindheit verlief und er diese Zeit erlebt hat.

„Meine ganze Lebensgeschichte, eine jüdische Jugend im dritten Reich, in 90 Minuten.“

Herrn Maier fällt es schwer, seine Lebensgeschichte in kurzer Zeit zu resümieren, obschon er diesen Vortrag nicht zum ersten Mal hält. Als zweiter Sohn eines Kaufmannes, besuchte er bis 1938 die Volksschule in Kippenheim und darauffolgend die jüdische Schule in Freiburg.

Sein Vater Siegfried Maier diente, ebenso wie andere jüdische Männer, der deutschen Armee im ersten Weltkrieg. Dies wurde jedoch nicht anerkannt, beteuert Herr Maier. Er zeigt Bilder von Verwandten, die bereits 1934 ausgewandert sind und der Familie zuredeten: „Kommt nach Amerika. Man sieht doch, dass die NS jeden Tag auf Juden hetzen. Es ist zu gefährlich“. Ebenso wie andere Familien dachten die Eltern von Kurt Maier, dass es schon besser werde. Hitler sei ein Verrückter, Zeitzeugen von Zeitzeugen werden mit dem es irgendwann zu Ende gehe. Außerdem hätten sie das Haus und ein Geschäft, es lohne sich nicht. Seine Mutter hatte ein kleines Lebensmittelgeschäft, kein großes Kaufhaus wie der Zeitzeuge betont. Immer wieder bringt Herr Maier durch seine humorvolle Art ein Lächeln auf die Gesichter im Publikum. Ein Bild zeigt ihn und seinen Bruder verkleidet als Charlie Chaplin, um beim jüdischen Purimfest „Gutzile“ zu sammeln.

„Wir waren an allem schuld.“

Die Kindheit der beiden war jedoch geprägt von Hetzerei und Propaganda. Den nichtjüdischen Kindern wurde „Der Giftpilz“ geschenkt. Ein Buch, das Juden als Giftpilze darstellt und beschreibt, warum man sie hassen sollte. „How to hate Judes in ten easy lessons“, wie der Gastredner erzählt. Die Zeiten wurden immer ernster. Jüdische Familien durften keine Autos mehr besitzen. Telefone, Fotoapparate oder Haustiere wurden ihnen nach und nach verboten. Für Herrn Maier ist es noch immer unvorstellbar, dass er in solch einer Welt gelebt hat, in der Juden gehetzt und verfolgt wurden. Das einzige Mal, dass der Kippenheimer in Deutschland direkt gepeinigt wurde, war durch einen Beamten in Lahr. Für den Pass mit der jüdischen ID musste er Fingerabdrücke geben. Der Beamte drückte dabei mit dem Fingernagel in seinen Daumen. Erinnerungsstücke wie eine alte Stopfkugel aus Kippenheim hat er bis heute. Er werfe nichts weg, dafür seier zu altmodisch. Dadurch könne er seine Geschichte und die Welt, in der er lebte, bis ins Detail genau wiedergeben. Am Ende des Vortrags blieb Zeit, um einige Fragen zu stellen, die Kurt Maier gerne beantwortet hat. „Es ist wichtig, dass wir Zeitzeugen von Zeitzeugen werden“, betonte Professor Robert Gücker zum Schluss der Veranstaltung.

„Vielleicht ist alles nur ein Traum, und nach 85 Jahren wache ich auf. Aber nein, es ist geschehen.“

Ökumenisches Mahnmal Projekt Dr. Kurt Maier ist Mentor des Ökumenischen Mahnmal-Projektes und seit Beginn dabei. Ziel ist es, 137 Steine zu gestalten, die symbolisch für die einst jüdischen Gemeinden in Baden stehen. Zusätzlich zu den Steinen in den Gemeinden wird ein zentrales „Mahnmal für die deportierten Jüdinnen und Juden Badens“ an die Zwangsdeportierung nach Camp der Gurs erinnern.
Zeitzeuge Dr. Kurt Maier

Quelle

NUMINOS-Magazin WS15/16